Bei der Arbeit

Arbeiten? Am liebsten morgens und im geordneten Chaos.

Die Asperger Künsterlin Margit Lehmann und ihre Idee mit den Bänken für Schiller - Nächstes Jahr wieder Kunst am Neckar.

Wer sich im Kreis Ludwigsburg für Kunst interessiert, kennt Margit Lehmann. Die Malerin aus Asperg ist nicht nur für spektakuläre Aktionen, sondern auch für deutliche Worte bekannt. LKZ-Redakteurin Andrea Nicht-Roth sprach mit Ihr über Kunst, Geld und ihr neustes Projekt.

Was macht die Kunst? Besser: Was machen die Künstler?

Die Künstler arbeiten, sie sind fleißig. Aber es gibt immer mehr Künstler und es wird immer weniger Kunst gekauft. Schlechte Zeiten! An was spart man zuerst?

Zuerst an der Kunst?

Richtig. Es gibt in der Zwischenzeit viele Sozialfälle, da muss die Kunst zurückstehen, nur beahtet man dabei nicht, dass auch die Künstler in der Sozialschlange stehen, wenn keine Kunst gekauft wird. Hinter jeder Kunst steckt ein Mensch.

Ist eher der private Kunstmarkt weggebrochen, oder der öffentliche? Firmen zum Beispiel, die als Mäzene gewirkt haben, sparen jetzt genauso.

Ich habe guten Kontakt zu mittelständischen Firmen. Manche Firmenchefs sagen zu mir, "ich kann mir doch nicht Kunst für 20.000.-€ kaufen, wenn ich zu meinen Leuten sagen muss, dass ich vier entlasse".

Das ist schwer vermittelbar!

Eben, das ist einfach nicht vermittelbar. Bei der öffentlichen Hand ist es genauso. Nehmen sie die Stadt Ludwigsburg: Ich bin froh, dass das Projekt 46 Bänke - meine Idee zum Schillerjahr - geklappt hat. Aber das wäre nie zustande gekommen, wenn nicht der Einzelhandel und die Kreissparkasse bereit gewesen wäre, das Projekt vorzufinanzieren.

War es schwierig, die Idee der Verwaltung zu vermitteln.

Die erste Frage von Oberbürgermeister Spec war: "Und wer finanziert's?" Diesen Satz höre ich seit Jahren immer wieder!  "Frau Lehmann, toll! Wirklich super, wir würden das sofort machen. Aber mit welchem Geld?"

Wie entsteht so eine Idee? Auf dem Sofa? In der Badewanne? In der Küche?

Also bei mir ist es so, dass ich Wochen, Monate, oft Jahre Ideen im Kopf habe. Die sortiere ich dann und reduziere immer mehr. Manchmal bleibt da nichts übrig. Was mir einfällt notiere ich sofort. Am Bett hab' ich ständig Bleistift und Papier liegen, zum Leidwesen meines Mannes, weil ich nachts Licht mache, und irgendwas zeichne. So eine Idee muss raus, sonst kann ich nicht weiterschlafen. Und ich hab' immer das Gefühl, ich vergesse es bis morgens. Also, ich gehe Tag und Nacht um mit der Kunst.

Sind ihnen die Bänke auch nachts eingefallen?

Das war so eine Blitzaktion! Mein Kollege Kurt Passotti und ich kamen mit einem ganz anderen Projekt zu OB Spec und wir mussten warten und auf einmal sag ich zu meinem Kollegen. "Ich hab's! Wir machen Bänke!"

Das ist Ihnen wirklich vorm Dienstzimmer eingefallen?

Ich bin dahin gegangen um zu sagen, dass wir in Ludwigsburg was machen wollen und dann hab ich die Bänke-Idee einfließen lassen. Das Gespräch hat zehn  Mintuen gedauert - und die Idee war geboren. Dr. Andrea Fix, die Leiterin des Städtischen Museums war sofort begeistert.

Haben Sie noch andere Pläne?

Im Jahr 2006 kommt wieder ein Neckar-Projekt. Das erste im Jahr 2000 war sehr erfolgreich. DieIdee ist zum Beispiel so entstanden: Ich hab' mit meinem Mann eine Radtour gemacht Richtung Poppenweiler und da sehe ich dieseSchleusenwand im Wasser drin stehen und sag: "Halt mal! Hier muss Kunst ran! Die Wand will ich bemalen!" Er hat mich natürlich für verrückt gehalten. Dann habe ich am anderen Morgen den Landrat Dr. Haas angerufen, under hat gesagt: "Was wollen Sie bemalen???" Und ich habe sofort ein offenes Ohr fürdieses Projekt gefunden, auch bei Euro-Natur und anderen. Wir sind am Neckar entlanggefahren, haben die Plätze rausgesucht und dann stand das.

Das war eine tolle Sache! Und einiges steht ja heute noch.

Genau! Es ist was Bleibendes. Das wollen wir mit Ludwigsburg und den Bänken auch machen. Im Herbst werden sie versteigert und da suchen wir Sponsoren, dass die Bänke an Ort und Stelle bleiben können. Da brauchen wir ja auch einen Auktionator. Ich habe vorgeschlagen: Spät oder Kleinert. Herrr Spec meinte: "Ja, wenn Sie einen von denen herkriegen." Ich habe beim Spät angerufen und sofort kam eine Zusage.

Damit das klappt, muss man wohl Margit Lehmann heißen!

(lacht) Ich bin auch seit 35 Jahren in der Kunst tätig.

Was hat sich verändert in dieser Zeit?

Worauf ich neidisch bin, positiv "neidisch", ist die heutige Jugend. Was denen geboten wird! Was die machen können! Ein Beispiel: In der dritten Klasse Grundschule mussten wir im Herbst Blätter zeichnen. Da habe ich ein blaues Blatt gemalt - und wurde total vernichtet. Blau! Es gibt doch kein blaues Blatt. Heute würde ein Lehrer sagen: "Die ist aber kreativ!"

Vielleicht wären Sie nicht die geworden, die Sie sind, ohne diesen Widerstand. Vielleicht wächst man daran.

Kann sein. Durch Familienarbeit sind zehn Jahre auf der Strecke geblieben. Aber Familie war mir wichtig.

Wie ist ihre Entwicklung verlaufen?

In den letzten Jahren wollte ich einfach weg von der Wand. So bin ich auf Skulpturen gekommen und habe mit meinen Blechmännern angefangen. Die stehen in der Zwischenzeit überall, sogar in England. Das ist mein Markenzeichen. Wobei weiterhin die Malerei wichtig ist.

Und in Zukunft?

Ich hoffe mal, dass ich die nächsten Jahre so gut drauf bin, dass ich alles machen kann, was ich noch im Kopf hab'.

Was ist da zum Beispiel drin?

Für das Neckarprojekt näächstes Jahr hab' ich schon eine Idee...

Die verraten Sie wohl nicht?

Natürlich nicht!

Was wächst eigentlich nach bei den Künstlern?

Gute Leute! Ich bin jetzt im zehnten Jahr Vorsitzende vom Verband Bildender Künstler, ich vertrete in der Region Ludwigsburg 80 Mitglieder. Und da gibt es sehr guten Nachwuchs. Hier in der Region bemängle ich ein bisschen, dass dieJungen sich nicht häufigerdem Verband anschließen. Ich trage mich mit dem Gedanken, meine Verbandsarbeit in den nächsten Jahren an jüngere Kollegenzu übergeben.

Wieviel von den Berufskünstlern können wirklich leben von ihrer Kunst?

Ganz, ganz wenige. Ich hab' Kollegen,, die leben im Monat von 500 Euro. Da braucht jeder einen Nebenjob. Viele sind Lehrer, oder sie haben einen Partner, der in fester Anstellung ist. Deshalb bin ich dankbar, wenn sich die öffentliche Hand engagiert; zum Beispiel das Bänke-Projekt in Ludwigsburg.

Wann fangen Sie an mit ihrer Bank?

Bin schon dabei. Ich mache ein gemeinsame Arbeit mit meinem Kollegen Walter Pfisterer. Er gestaltet die Bank und ich das Buch, ein bewohnbares Buch.

Sind sie ein disziplinierter Arbeiter oder eher der "Künstlertyp": spät anfangen und dann nachts bis in die Puppen?

Ich bin eine Frühaufsteherin, das kommt davon wenn man Familie hat. Aber es gibt natürlich auch Kollegen, die um elf erst in die Gänge kommen und um drei nachts ins Bett. Das konnte ich mir nie erlauben, solange die Kinder zuhause waren. Meine Arbeitszeit war dann auf die Schulzeit beschränkt. Vormittags konsequent arbeiten kommt mir sehr zu Gute.

Was für eine Arbeitsatmosphäre brauchen Sie?

Am liebsten geordnetes Chaos!

Brauchen Sie eigentlich eine Stimulation zum Arbeiten?

Die hole ich mir in den nächsten Tagen: Bei Christo und dem Moma in New York.

Aus der Ludwigsburger Kreiszeitung, Dezember 2005

 

"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit"

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