Eigensinn und Konterbande

Kultur im Kreis - Ein Werk voller Eigensinn und Konterbande: Margit Lehmann blickt mit umfangreicher Retrospektive im Rathaus auf 25 Schaffensjahre zurück.

Quicklebendig sei sie, wortreich und wortgewaltig, ausdrucksstark und kreativ, vor allem aber: auch mit 70 Jahren eine immer noch junge Künstlerin. So lobte Albrecht Sellner, Ger­linger Alt-Schultes und Kunst­kenner, jene Künstlerin/ die ih­rem bürgerlichen Namen den ih­rer Heimatstadt angehängt hat: Mit einer umfangreichen Werk­schau in Rathaus und Keltensaal würdigt die Stadt Asperg Mar­git Lehmann-Asperg. 

Wer den Rundgang durchs Rat­haus vollendet hat und ganz oben angekommen ist, steht vor einem der Aquarelle, mit denen Margit Lehmann Ende der 1980- er Jahre ein Buch ihrer Freundin, der frauenbewegten Bonner Schriftstellerin und Kabarettistin Karin Hempel-Soos, illustriert hat: „Das Mitdenken der Be­trachter ist erwünscht", ist auf dem Blatt notiert - ein Leit­spruch, der fürs gesamte Schaf­fen Margit Lehmanns gilt: Wer Dekoration sucht, wird in die­sem Œuvre nicht fündig - es ist wild, ungebärdig, expressiv, mit­unter humorvoll, häufig frivol, besteht stets auf seinem Eigen­sirin und will sich einmischen.

Schon die frühesten Werke, Aquarelle aus den Jahren 1985/86, nehmen eines der The­men auf, auf die Margit Leh­mann anhaltend zurückkommen wird: den öffentlichen Raum. Stadtansichten von Asperg, Ve­nedig, aus Israel, anfangs gewiss auch noch wohnzimmertaug­lich, doch von allem Anfang an nicht ohne Konterbande, die sich immer wieder mit der Schrift - später oft Graffiti - in die Bildwelt einschleicht, Risse und Widerborstigkeiten in ihr auftut. Die gewinnen in den gro­ßen Tafelbildern bald Oberhand - etwa in der Serie der Asperger Mauerbilder: Auf Fotografien der

alten Festungsmauern schichtet Margit Lehmann Gips, den sie übermalt und das Bild so in den Raum treten, zum Zeugen einer Vergänglichkeit, eines Alterungs­prozesses werden lässt, der nichts als die andere Seite der immer neuen Be- und Überar­beitungen ihrer Sujets ist.

So, wie Margit Lehmanns Bil­der zur Plastizität streben, so halten ihre figürlichen Arbeiten häufig am flächigen Charakter der Malerei fest: Menschliche Fi­guren sägt sie als gesichtslose Silhouetten aus Stahl oder Holz - außerhalb der Ausstellung zu be­sichtigen etwa als Badenixe im Besigheimer Schwimmbad, in der Ausstellung als beeindru­ckende Figurengruppe der elf „Gesichts- und Geschichtslosen" im Keltensaal: Überlebensgroße, gefesselte Schemen an der Fens- terfront, so vors Grün der Wein­berge und den Stein der Fes­tungsmauern gestellt - das En­semble wirkt in der für Lehmann typisch-irdenen Farbgebung wie eine anonyme Häftlingsgruppe, als geschichtsbewusstes Zeichen an der Wand. Wer Margit Leh­manns „Buch der Erinnerung" auf dem Hohenasperg kennt, ei­ne große, Schubart gewidmete Skulptur, kann die Korrespon­denz nicht verkennen. Dort ent­reißt sich ein Schemen bleiben­des Paar dem Buchdeckel, als sei es auf der Flucht vor dem Kreuz und auf dem Heimweg in ein erotisch getöntes Paradies. Dass diese Plastik rostet, verweist wie­der auf ein Thema, das sich wie ein roter Faden auch durch die Ausstellung zieht: Vergänglich­keit - aber nicht als Verhängnis.

Die Bücher (genauer: Buch­hüllen, denn für den Text muss der mitdenkende Betrachter sor­gen) schließlich sind die wohl umfangreichste Werkgruppe, die bei dieser Retrospektive zu se­hen ist Sie stehen geradezu für das Spannungsverhältnis von Schrift und Malerei, das Margit Lehmanns Schaffen durchzieht.

Und in ihnen nimmt sie sich die unverblümtesten Freiheiten: Einschlägige Bibelstellen über­malt sie mit drastischen Darstel­lungen, erlässt ihre „Zehn Gebo­te der Erotik" - und legt das Werk auf einen Sockel, den Zitate ihrer Freundin Karin Hempel-Soos zieren: „Ich hatte mir ein Herz gefasst,/ dir meinen Kopf zu ge­ben./ Jetzt fass ich mich an mei­nen Kopf./ Mein Herz./ So ist das eben." Wer mehr im Leben sucht - der mache Kunst!

Infos Zu sehen in Rathaus und Keltensaal zu den Öffnungszei­ten von Bürgermeisteramt bezie­hungsweise Stadtbücherei.

 

"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit"

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