im Gespräch

Margit Lehmann die Malerin: "Ist es sinnvoll? eine Mauer zu sein?" Fragmente aus einem Gespräch zwischen der Malerin Margit Lehmann und Steffen Lehmann, Architekt (London).

SL: Deine Arbeit konfrontiert den Interessierten mit unterschiedlichen Themen. Du stellst jetzt den neuen Zyklus „Asperger Grabenbilder" vor, eine Reihe von Übermalungen, womit deine Arbeit zunehmend konzeptioneller wird. Du verwendest die Überma-lungstechnik ähnlich dem Ausradieren oder Wegnehmen und dieser Prozeß erscheint mir wie eine Suche nach dem Wesentlichen, der Essenz. Kannst du mir sagen, wieso du ausgerechnet den Asperger Festungsgraben hierfür gewählt hast?

ML: Die „Asperger Grabenbilder" sind für mich eine Art Fortführung meiner „Salzburger Kasemattenbilder" und „Bibelbilder" - Übermalungen der Vorjahre. Es geht mir hierbei eher um die Durchgängigkeit bestimmter Themen in langjähriger Arbeit, als um die isolierte Entwicklung dieser einzelner Themen. Der Festungsgraben hat mich schon länger interessiert, denn die Erfahrung meines direkten Umfeldes ist mir wichtig. Die Schnittstelle zwischen Natur und Menschengeschaffenem, das Arbeiten mit starken Vertikalen in der Horizontlinie und der Kontrast durch eine unerwartete Übermalung des alten Mauerwerks, sozusagen „Malen gegen Mauer". Vermischt mit Farbpigmenten und Leim, habe ich direkt Erd-und Sandschichten auf den Maluntergrund, hier das Foto, aufgebracht. Dabei hatte ich Bilder von verborgener Innerlichkeit und verlorener Poesie erdacht.

SL: Deine zweite Buchillustration ist ein Gedichtband mit dem Titel „Das Böse mehrt sich über Nacht". Kannst du mir darüber mehr erzählen: was ist der Inhalt und wie war die Zusammenarbeit mit der Bonner Kabarettistin Karin Hempel-Soos?

ML: Ich hatte mich schon seit längerer Zeit in meinen Gemälden zu ähnlichen Themen geäußert, wie das Karin durch ihre Gedichte macht. Vor vier Jahren entstand mein Bilderzyklus „Leibgefühle" mit provokativen Titeln, wie „Mann raubt Frau Empfängnis", "Lustspiel" oder „Zeichen auf der Haut". Die Begegnung mit Karin war wichtig für mich. Sie ist so eine Art Enfant ter-rible in der Bundeshauptstadt. Wir lernten uns bei meiner Ausstellung in Bonn kennen und verstanden uns auf Anhieb prima. In Diskussionen entdeckten wir einige gemeinsame Standpunkte, sozusagen zwischen Intuition und Intellekt, die allerdings nichts mit Feminismus zu tun haben. Sie erzählte mir auch von einem geplanten Gedichtband und bat mich bald darauf, hierfür die Illustration zu übernehmen.Wir waren uns einig, daß wir keine Pornographie wollten, sondern eher eine Kombination frivoler Akte, gut gelaunt gemalt.

SL: Ich meine, die Zusammenarbeit hat sich gelohnt. Glaubst du, daß Frauen eine andere Kunst, andere Malerei oder Literatur machen? Daß es heute vorteilhaft sein kann, eine malende Frau zu sein?

ML: Nein, sicherlich ist die weibliche Kunst und das Frausein mitentscheidend auf dem Weg zum Gleichgewicht. Es gibt aber auch Malerinnen mit männlicher Komponente, wo soll man da die Trennungslinie machen? Feminismus liegt mir fern. Jeder Mensch kommt doch mit der Forderung auf die Welt, geliebt zu werden. Frauen müssen im Leben immer besser sein als Männer. Aber wenn man weiß, die Vorteile auszuspielen, kann es schon viele Vorzüge haben, Frau zu sein. Allgemein scheinen Frauen weniger Selbstvertrauen zu besitzen, denn von Anfang an wird alles unternommen, um sie unsicher zu machen und in zweitrangige Rollen zu drängen, die dann auch zu voreilig angenommen werden. Das kann ich allerdings nicht akzeptieren. Ich bin fest davon überzeugt, daß wir früher oder später eine weibliche Picasso oder Mozart haben werden. Diese wird dann gesellschaftlich sehr unbequem wirken, denn sie ist weder Mutter noch Ehefrau. Doch künstlerische Kreativität ist immer außergewöhnlich, ob Frau oder Mann, also nicht auf das Geschlecht bezogen.

SL: Wie stehst du dann zur Rolle des Künstlers in der Gesellschaft? zum Verhältnis zwischen Kunst und Politik?

ML: Die Rolle des Künstlers hat sich in den letzten zwanzig Jahren komplett verändert. Er ist nicht mehr die Randfigur der Gesellschaft. Die konsequente Trennung der verschiedenen Bereiche der Kunst gehört endgültig der Vergangenheit an; Maler drehen Filme, Regisseure zeichnen und Bildhauer schreiben Bücher. Nichts muß mehr etwas bedeuten. Nicht eine Lösung steht an, eher eine Auflösung. Die Denkarbeit scheint die Malarbeit verdrängt zu haben. Dagegen wehre ich mich. Der Künstler ist mehr als nur die „Sprachröhre des Zeitgeistes". Jemand hat mal gesagt, daß die Kreativität von Heute das Wissen von Morgen sei. - Er hatte Recht; denn ohne die Kunst wären wir blind für viele Dinge. Mein Hauptthema sind kompositorische Fragen und die Abstraktion des Landschaftsbildes. Also nichts Politisches.
Vor einiger Zeit bekam ich Kontakt zu dem Maler Jörg Immendorf; seine Überpolitisierung der Kunst war damals eine große Enttäuschung für mich.

SL: Du hast zwei Dinge erwähnt, auf die ich gerne noch etwas genauer eingehen möchte: zum einen der Einfluß auf deine Arbeit durch inspirierende Persönlichkeiten und zum anderen dein zentrales Anliegen, die Komposition und Abstraktion im Bild. Wen würdest du als eine Art „Meilenstein" für dich nennen? Wer hat dich eigentlich am stärksten beeinflußt, in der Kunst des Zwanzigsten Jahrhunderts?

ML: Ich verbringe viel Zeit mit zahllosen Ausstellungsbesuchen und der Zusammenarbeit oder Diskussion mit anderen Künstlern. Wenn ich überhaupt eine Leitfigur nennen kann, dann Pablo Picasso. Von den Jüngeren mag ich besonders Cy Twombly, Emil Schumacher und Antonio Tapies. Ich arbeite aber weitgehend selbständig,
weil ich Lösungen anderer nicht einfach hinnehmen kann. Eine große Inspiration kam 1986 durch meine Zusammenarbeit mit Peter Kla-sen und 1989 durch den Wiener Hermann Nitsch. Der Einfluß von Nitsch war wesentlich für das Verständnis von Feld und von Figur auf Grund. Die Gespräche mit ihm brachten völlig neue Gedanken und Ideen. Beide sind wir daran interessiert die Farbe als konkreten Gestaltwert, durch große Farbflächen, zu behandeln. Das Weglassen, die Reduktion, ist dabei das Schwierigste.
Etwas festhalten zu wollen und dabei es überfüllen, das lohnt der Mühe nicht.

SL: Mir scheint, der Einsatz der Farbe hat in deiner Malerei Primat. Jemand hat dazu einmal geschrieben, es handele sich um „die Abgewogenheit zwischen Formauflösung und Form haftig keif. Was steckt dahinter? Ich wundere mich, wie die Bilder entstehen...

ML: Das läuft so ab, daß ich meistens an fünf Bildern gleichzeitig arbeite. In einer großen Bandbreite, doch mit ähnlichen Farben und Ausdrucksmitteln. Immer zusammenhängende Bildergruppen, denn einzelne Bilder werden einem Thema kaum gerecht. Ich kann dabei tagelang mit einem Motiv umhergehen, bevor es dann endlich mühsam seine Gültigkeit erhält und ohne Zögern auf die Leinwand kommt. Beim Malprozeß versuche ich Spontanität und Unbefangenheit zu bewahren. Das heißt: je größer die Fläche, desto schneller der Farbauftrag. Meine Bilder sind für mich Erinnerungen an konkret Geschautes, grundlegende Beobachtungen. Auf Einfälle muß ich nicht warten, die ergeben sich oft aus der direkten Konfrontation mit der Natur. Später kommt dann das Ausprobieren hinzu: welche Farbe hat welche Wirkung. Dieses Vorgehen schließt das Scheitern, aber auch den individuellen Moment des Gelingens ein. Ich beginne schon mit einer Vorstellung von erwünschter Oberflächenqualität und erhoffter Bildatmosphäre, aber nicht mit dem Liefern schneller
Antworten oder schneller Aussagen. Zeit ist wichtig; ich verbringe selber viel Zeit im Atelier einfach mit Betrachten, was entstanden ist. Meine Arbeiten entstehen hauptsächlich im Atelier. Dieser Raum ist wichtig für mich in der Hinsicht, daß er mir ein ruhiges, ungestörtes Umfeld bietet zum Denken, Arbeiten und Wohlfühlen. Immer wieder wird ein Thema aufgegriffen, das der Mauer zum Beispiel, und auf der Suche nach Reduktion und wahrem Hintergrund variiert, ohne daß die Abstraktion zum Schaffensziel an sich wird.
Der Umzug ins Atelierhaus 1988, in große helle Räume, eröffnete völlig neue Möglichkeitein und endlich die Verfügbarkeit des großen Formats.

SL: Margit, glaubst du, daß sich dem Betrachter der Bildinhalt unmittelbar erschließt? Wenn du eine neue Idee hast und sich daraus ein neuer Bilderzyklus entwickelt, dann sind viele Betrachter irritiert, denn es ist ungewohnt und nicht selten verschieden von dem, was du davor gemacht hast.

ML: Ja das stimmt. - Andererseits kann man doch alle diese Bilder als Arbeiten von Margit Lehmann erkennen. Ich versuche verschiedene Wege, erprobe eine neue Bildsprache mit dem Ziel, eine umfassende Aussage zu leisten (wie beim Zyklus „Distanz und Nähe" vor ein paar Jahren). Ich will meine Identität erhalten. Bildinhalte erschließen sich sowieso nur durch längeres Betrachten. Die Titel sind dabei eine Brücke zum leichteren Verständnis. Die Bilder haben meist verschiedene Schichten, Einfühlungstiefen. Ich will mit meiner Malerei nicht unterhalten; Kunst hat eher ein unbequemes Potential. Deshalb erfordern die Bilder Entdeckung. Ich erinnere mich daran, wie ich versucht habe, mit einem Bild „Ich mag dich" auszudrücken; mit Fotografie oder Video hätte ich das nie können.
Dabei fiel mir auf, daß so viele Bilder anderer nurmehr wie Fotografien sind.

SL: Vor uns hängt die Arbeit „Mauer, -Narbe in der Landschaft II", aus derReihe „Mauerbilder/Mauerstücke". Kannst du mir kurz deine Bildidee umschreiben? Welches Aufbauprinzip liegt zugrunde?

ML: Dieses Bild ist als Abstraktion des Landschaftsaquarells zur großflächigen Farbtafel zu verstehen. Das Landschaftsmalen hat ja eine lange Tradition, aber durch die Abstraktion der Moderne einen Wendepunkt erfahren. Es geht um mehr als nur Abbildung von Natur. Das Durchbrechen der Einengung der Objekte, allerdings innerhalb eines schlüssigen Aufbauprinzips und klarer Zusammenhänge zwischen Details und dem Ganzen. Ein wesentlicher Orientierungsmaßstab für den Bildaufbau ist die Erfahrung des „oben" und „unten", solange Menschen aufgerichtet gehen, Bäume nach oben wachsen und das Wasser von oben kommt. Eine Mauer als Wand kann Schutz und Geborgenheit bieten, aber auch Hindernis und Trennung bedeuten. Sie kann Öffnungen besitzen, Einblicke zeigen oder auch nur eine interessante Oberfläche besitzen. Immer jedoch bedeutet sie die Situation eines Raumerlebnisses. Figuren und Mauern passen gut zusammen. Ich male nie die ganze Mauer, nur Ausschnitte. Stimulierend empfinde ich Licht und Schatten auf der Mauerfläche, will den Zeitfluß anhalten. Überlege: Ist es sinnvoll, eine Mauer zu sein? Sie sind doch immer Narben in der Landschaft. Die Komposition entscheidet dann über Wert und Verteilung der Fläche, über Randzonen. Durch eine Hauptfigur entsteht Abgrenzung; die Bedeutung der Abgrenzung oder Aussparung einer bestimmten Fläche von ihrer Umgebung wird überaus wichtig. Das „Feld" ist als Territorium der Farbe anerkannt. Nur Beschriftungen können dann dieses Feld überlagern. Das Zentrum lege ich meist an den Bildrand, nicht in die Bildmitte. - Eine kompositorische Vorliebe. Die Großform dominiert die Gesamtkomposition und kann vom Betrachter sofort erfaßt werden. Die Mauern rahmen wie zufällig den Blick, intensivieren das Erlebnis der Natur. Menschengeschaffene
Mauern und volleibige Körper kontrastieren mit einer scheinbar übergeordneten, über allem dominierenden Naturumgebung.

SL: Mich interessiert die Farbwahl. Könntest dua uf die Eigenbedeutung der Farbwahl näher eingehen? Wie entscheidest du über Farbauswahl?

ML: Das ist schwer zu beantworten. Farbe steht bei mir an erster Stelle. Sie unterliegt einer selbstauferlegten Beschränkung; nur in Energiezentren vermischen sich die Farben stärker. In der Farbpalette werde ich immer sparsamer. Am liebsten ist mir Weiß, in allen Tönungen. Ein weißer Schleier über allem. Aber auch Blautöne und Erdfarbe. Einfache Formulierungen und leere Flächen gewinnen an Bedeutung. Kompositorische Fragen beantworte ich gerne durch Farbflächen; bestimmte Farben rufen bestimmte Formen hervor. Das kann dann rauschige Farbigkeit oder Farbharmonie sein.

SL: Wie würdest du den Begriff der Abstraktion für dich deuten? Wieso verweigerst du dich einer naturalistischen Abbildung?

ML: Abstraktion ist für mich nicht nur Infragestellung der Wirklichkeit, sondern auch Lust an der Reduktion und „Zuwendung zum Unsichtbaren", wie ich einmal ein Bild genannt habe. Nur die hemmungslose Überwindung der Realität bedeutet eine Erforschung der bildnerischen Mittel. Das Interesse am eigenen Gefühl bestimmt das Bildentstehen, den Malprozeß. Der Betrachter soll sich später zur eigenen Interpretation aufgefordert fühlen.

SL: Seit einiger Zeit unterrichtest du Malerei, anfangs unter dem Titel „Wer Sehen kann, kann auch Malen". Welches Lehrziel hast du?

ML: Beim richtigen Sehen behilflich zu sein. Ich versuche sehr individuell und in kleiner Gruppe zu arbeiten. Mein neues Programm heißt: „Vom Gerede zur Sprache, vom Abbild zum Bild". Ich glaube, solange ich etwas zu vermitteln habe, macht das Lehren Spaß. Der Unterricht findet meistens auf südlichen Inseln statt; das Malen im intensiven Licht hat es mir irgendwie angetan. Vieles von dem findet sich in meinen „Mauerbildern" wieder.

SL: Ein Blick nach vorne: Wenn es in der Kunst so etwas wie ein Ziel gibt, wo möchtest du hin?

ML: Ich will noch unheimlich viel!
Weiter künstlerisches Neuland entdek-ken, - ich habe mich nun mal der Malerei verschrieben! Auf Reisen neues Material für meine Arbeit sammeln und Dinge tun, die ich Vorher noch nicht getan habe, - ganz nach dem Motto: „Erkenntnis statt Vermutung".

 

"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit"

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